Erschöpft, gezeichnet aber überglücklich
kehrte das Technikerteam von Mag. Payer dieser Tage von seinem Arbeitsaufenthalt in
Albanien zurück. In unermüdlicher Arbeit, nahezu 16 Stunden pro Tag, bei 45 C im
Schatten, unter unsagbaren Bedingungen, konnten alle notwendigen und geplanten technischen
Aufgaben bravourös gemeistert werden. Ein Techniker aus Hartberg und ein Elektriker aus
Markt Allhau leisteten Sensationelles.
Flugzeit
eine Stunde 20 Minuten. Austrian Airlines bedient die Destination Tirana täglich. Eine
der bestausgelastetsten Ziele. Schon im Flugzeug macht sich Goldgräberatmosphäre breit.
Ankunft am Airport-Rinas und ohne viel Federlesens könnte man meinen, daß man 12
Flugstunden hinter sich gebracht hat. So weit weg ist Albanien. Balkan, das Land der
Skipetaren, Söhne des Adlers. Bettelnde, verstümmelte Kinder, barfuß und zerlumpt,
hinterlistig, zu jedem Taschendiebstahl bereit.
Regelmäßiges
Chaos in der Ankunftshalle. Alle Einreisenden müssen 37 USD bezahlen. Die Ausreise ist
preiswerter nur 10 USD. Das Hilfsteam weigert sich zu zahlen. Man kommt um zu helfen.
Lange Diskussion, der Direktor des Flughafens und ein Finanzbeamter werden bemüht. Die
Einreisewilligen warten geduldig in der Schlange um ins Land der Langsamkeit zu können.
Geschafft, ist die nächste Hürde beim Zoll zu absolvieren. Eine Stunde orientalisches
Palaver, hektische Diskussionen emotionales Gestikulieren, helfen. Jahrelange Routine
zeigen Früchte.
Vor
dem Flughafengebäude bietet sich einem das Bild eines arabischen Bazars. Hunderte
Menschen bevölkern, obwohl von der Polizei abgesperrt, den Platz. Manche bieten ihre
Dienste an: Taxis, Fremdenführer, Souveniers oder schlicht den Inhalt eines albanischen
Bauchladens. Die Cafes sind heillos überfüllt. Albanische Männer frequentieren von 7
Uhr morgens bis Mitternacht diese Einrichtungen. Bei sechzig Prozent Arbeitslosenrate,
teilweise aus Arbeitsunwilligkeit oder Hoffnung auf einen der versprochenen Lottogewinne,
ein im ganzen Land herrschendes Zustandsbild.
Bei
45 C im Schatten sitzen auch wir im Cafe und warten auf ein Privatflugzeug aus
Österreich, das uns dringend benötigtes Material bringen soll. Nach fünf Viertelstunden
Wartezeit ein Tiefschlag: das ersehnte Flugzeug mußte in Folge Druckabfalles auf Höhe
Dubrovnik umkehren. Der Schock sitzt vorerst tief. Gott sei Dank, ist der aber durch
Umsicht des technischen Leiters Erich Rybar, der Schaden begrenzt. Rybar hat den Großteil
der technisch benötigten Materialien und Werkzeuge, doppelt im Fluggepäck, in weiser
Voraussicht, mitgenommen.
Die
Fahrt nach Fier, 120 km südlich von Tirana, beginnt. 3 bis 4 Stunden im Auto, in der
sengenden Nachmittagssonne stehen bevor. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus: Eine
unglaublich schöne Landschaft, sieht man von den zahllosen ausgegrabenen und noch
versenkten Bunkern ab, die ein wahnsinniges, sinnloses und menschenverachtendes
politisches System zur Verteidigung seiner Menschen erdacht hat. Nach
dreieinhalb Stunden Überlandfahrt, Durchschnittsgeschwindigkeit 40 km/h, Staus und Stops
bedingt durch rücksichtslose Autofahrer, bettelnde Kinder, erreicht man Fier.
Fier,
100.000 Einwohner, Industriestadt mit größtem Chemiewerk des Landes, Zentrum der
Erdölgewinnung, Herzstück der albanischen Landwirtschaft. 30.000 Arbeitslose. Der
Hauptplatz von Fier ist übersät von Mercedes Autos aller Typen und Baujahre. Albanien
hat höchste Prokopfdichte an Autos dieser Nobelmarke. Ein Paradoxon, das Seinesgleichen
sucht. Staubige, stickige, stechende Luft, bedingt durch das ortseigene Chemiewerk, wo
Düngemittel für das ganze Land produziert werden, machen das Atmen, besonders in der
Nacht, wenn Ammoniak abgeblasen wird, zur Qual.
Dann
das Spital von Fier. Ein Lichtblick in diesem trostlosen und hoffnungslosen Land. Die
Zufahrt allein ist mörderisch. Ein Unfallopfer mit einer Wirbelsäulenverletzung würde
diesen Transport nicht unbeschadet überleben.
Doch
hier befindet sich das mit Abstand modernste Spital Albaniens. Die 1991 vom
burgenländischen Apotheker Mag. Norbert Payer aus Markt Allhau initiierte
österreichische Hilfe, 1994 feierlich eröffnet, trägt nachhaltig Früchte. Optisch
bietet sich dem Besucher ein anspruchvolles Hauptgebäude, daß das Herzstück, den
chirurgischen Operationssaaltrakt mit 4 Operationssälen westeuropäischen Standards,
beherbergt.
Zahlreiche
lebensrettende Operationen sind hier durchgeführt worden. Seit der Eröffnung 1994 haben
sich die chirurgischen Eingriffe vervierfacht, 1998 in der Zeit der
bürgerkriegsähnlichen Unruhen hat sich diese Zahl noch-mals verdoppelt. Dr. Miltiades
Vervecka, Neurologe und ärztlicher Direktor des Spitals im benachbartem Berat attestiert:
Das chirurgische Spital des Österreicher war für uns Albaner in dieser Zeit
lebensrettend. Nach der Zerstörung der Spitäler in Vlora, Berat, Lushnja und Kavaja
durch rivalisierende Mafiafamilien, die das gesamte Land terrorisierten, war Fier der
einzige Ort wo effiziente Hilfe geboten wurde. Auch ich habe aus meiner Heimatstadt
zahlreiche Patienten nach Fier geschickt.
Die
medizinische Einrichtung Österreichs wurde in diesen schweren Tagen, von den
Operationsschwestern die in Österreich ausgebildet wurden, verteidigt, als auch von
mafiosen Banden aus Fier, die ihr Spital als letzte Lebensversicherung sahen.
Eine fragwürdige, aber doch produktive Allianz der Selbsthilfe.
Dieses
Mal sieht der Aufenthalt von Mag. Payer und seinem Technikerteam die Sicherstellung der
Wasserversorgung des Spitals vor. Weiters, Service der eigenen
Trinkwasseraufbereitungsanlage, der Narkosegeräte, der Großraumsterilisatoren, der
Industriewaschmaschinen in der spitalseigenen Wäscherei und der Klimageräte. Der letzte
Aufenthalt der Techniker liegt auch schon beinahe zweieinhalb Jahre zurück. Da wartet
einige Arbeit auf die Österreicher. Ein 18 Stunden Tag, bei mehr als 40 C reicht oft
nicht aus. Auch Samstag und Sonntag wird gearbeitet.
Die
technische Gesamtleitung hat Erich Rybar aus Hartberg übernommen. Dies nun schon vier
Jahre. Wenn ihn Mag. Payer ruft, steht er Gewehr bei Fuß. Ein welterfahrener Haudegen,
der auf zahlreiche Einsätze global zurückblicken kann. Spitäler nahe dem Polarkreis im
fernen Sibirien, im Dschungel Indonesiens oder der Wüste Libyens zählten zu seinen
Betätigungsfeldern. Talent zum Improvisieren, Lösen technischer Probleme,
Materialbeschaffung, Sprachgewandtheit, Umgang mit der heimischen Bevölkerung und
Menschenführung sind seine Stärke.
Zahlreiche
Österreicher, vor allem Burgenländer haben sich freiwillig gemeldet, oft ihren Urlaub
geopfert, um sich in den Dienst dieser guten Sache zu stehen. Diesmal gehört Roland Fink,
aus Markt Allhau auch zum Team. Der fünfundzwanzigjährige Elektriker hat sich spontan zu
diesem Einsatz gemeldet. Von seinem Betrieb, Elektro Seper aus Oberwart, wurde er
dienstfrei gestellt, und fuhr mit nach Albanien. Mit seinem Dienstgeber Herrn Nikolaus
Seper verbindet Mag. Payer eine jahrelange Freundschaft. Diese beruht auf der gemeinsamen
Mittelschulzeit in Mattersburg und diese wirkt sich noch heute effizient aus. Niki Seper
im Originalton: Bis dat, quid cito dat, Wer schnell gibt, hilft doppelt.
Unter diesem Motto stellte er seinen besten Mann für den Albanieneinsatz zur Verfügung.
Eine zutiefst hehre und soziale Einstellung des Oberwarter Jungunternehmers.
Für
alle, die zum ersten Mal ihre Arbeitskraft einsetzen oder sich in Fier aufhielten, war
jeder Besuch ein eindrucksvolles und nachhaltiges Erlebnis. Nach der Rückkehr in
Österreich, berichteten alle übereinstimmend, daß sie die Bilder aus diesem Land sogar
noch im Schlaf zu Hause verfolgen. Auch Roland Fink, nach einem mörderischen achtzehn
Stunden Arbeitstag, nach zehn Tagen Einsatz, mit noch nicht vielen Erfahrungen in fremden
Ländern, hat bei diesem Aufenthalt eine besondere Lebensschule erfahren.
Die
weiteren Schritte zu Hilfe sind durch die Defizite vorgegeben. Große Arbeiten warten auf
Mag. Payer und sein Hilfsteam: Errichtung eines eigenen Brunnens im Spitalsgelände zur
autarken Wasserversorgung. Ausbau einer chirurgischen und notfallmedizinischen Abteilung
zur Erstversorgung von Unfallopfern. Der größte Teil der Patienten, die nicht
entsprechend versorgt werden können, sind Opfer des mörderischen Straßenverkehrs.
Häufig sind auch Verbrennungsopfer bedingt durch das unsachgemäße Hantieren mit Gas und
Öl oder durch Explosionen zu beklagen.
Weiterer
Schwerpunkt der österreichischen Aktivitäten: Aufrechterhaltung und Weiterführung der
bestehenden infrastrukturellen medizinischen Einrichtung. Und das Wichtigste: Schulung und
Weiterbildung der albanischen Krankenschwestern, Ärzte und des technischen Personals.
Eine außergewöhnliche Besonderheit: Dr. Jani Pjetri, Vorstand der Radiologischen
Abteilung in Fier, wurde in Österreich durch Prim. Dr. Hormos Schahbasi im Krankenhaus
Güssing ausgebildet und verfügt nun durch die Hilfe von Mag. Payer über eines der
wenigen Sonographiegeräte im Land. Hunderten Patienten täglich, auch aus Tirana und
weiter aus dem Norden kommend, kann durch seine fundierte Ausbildung in Österreich
geholfen werden.
Der
positive Imitationseffekt, der durch. die Österreicher versucht wurde, trägt Früchte:
Nach den Plänen von Mag. Payer und seinen Spezialisten, entstand eine Intensivstation mit
sechs Betten. Zahlreiche andere Ideen und Anregungen wurden von den Albanern umgesetzt.
Der
Vergleich macht sicher.
Um
sich ein aktuelles Zustandsbild der albanischen Spitäler zu verschaffen, stehen Besuche
anderer Spitäler in Berat, der Universitätsklinik in Tirana und in Shkodra auf dem
Programm.
Das
Gebäude ist verfallen, Verputz und Teile der Mauer sind abgebröckelt. Der Plafond ist
verschimmelt. Davor verrosten zwei Autowracks, eines ein Ambulanzauto. Drinnen sollen
Menschen gesund werden. Der desolate Bau ist das Regionalkrankenhaus von Shkodra, bekannt
auch durch das Österreichcamp während der Kosovokrise. Die Außenfassade ist für den
gesamten Zustand des Krankenhauses symbolisch. Drinnen liegen die Patienten in kahlen,
heruntergekommenen Zimmern, die ständig von Besuchermassen bevölkert sind. Ruhe und
Sauberkeit sind hier Fremdworte. Heizung gibt es keine. Im Winter liegen die Kranken in
Ihren Mänteln im Bett. Im Sommer verbreitet sich durch mangelnde Hygiene und
Fliegenschwärme ein bestialischer Geruch. Im Waschraum im Gang steht das Wasser
knöcheltief, die Toilette besteht aus einem Loch im Boden, die Türen nicht
verschließbar, die Waschmuschel zerschlagen, verdreckt. Der Anblick läßt einen ein
Stoßgebet in den Himmel schicken: Laß mich hier nicht krank werden!
Mit
Enthusiasmus, Überzeugungskraft und Zähigkeit sucht Mag. Payer die finanzielle Basis
für sein Projekt. Dutzende Firmen schenkten Geräte und Materialien oder
Dienstleistungen. Fast alle Ingenieure, Installateure, Maurer und Bauarbeiter stellten
ihre Arbeitskraft kostenlos zu Verfügung. Da sich der Zuschuß öffentlicher Mittel 'in
Grenzen hielt, war man auf die Spendenbereitschaft der Österreicher angewiesen. Vor allem
die APA Burgenland Hörer beweisen ihre Großzügigkeit und Menschlichkeit. |